Ich erinnere mich noch gut an unser erstes Telefonat. Janina hatte sich für Einzelunterricht bei mir gemeldet, und statt einer richtigen Begrüßung kam fast entschuldigend dieser eine Satz: „Turnout kann ich nicht.“ Sie sagte ihn, als wäre er eine ärztliche Diagnose, mit der sie sich längst abgefunden hatte.
Heute muss sie über diesen Satz selbst lachen. Denn inzwischen beschreibt sie sich mit ganz anderen Worten: „Ich bin vom Ballett besessen.“ Und ihre Geschichte solltest du kennen, wenn du selbst manchmal denkst, für dich sei der Zug abgefahren.
Kann man mit Mitte 40 überhaupt noch richtig Ballett lernen?
Ja. Ballett kannst du auch mit Mitte 40 noch von Grund auf lernen. Ausdrehung, Stabilität und Kontrolle entstehen in der Muskulatur, nicht in den Knochen – und Muskeln lassen sich in jedem Alter aufbauen und neu ansteuern.
Janina ist für mich der lebende Beweis dafür. Sie stellt sich selbst so vor:
„Ich bin Janina, ich bin 49 Jahre alt und mache jetzt seit ungefähr fünf Jahren Ballett. Also ich bin eine wirklich späte Einsteigerin gewesen.“
Sie hat also mit Mitte vierzig angefangen, in einem Alter, in dem viele Frauen glauben, für etwas so Feines und Technisches wie Ballett sei es jetzt zu spät. Ich sehe das anders, und Janinas Körper hat es ihr am Ende auch anders gezeigt. Worauf es ankommt, ist eben nicht dein Geburtsjahr, sondern ob dir jemand beibringt, welche Muskeln du für diese Bewegungen wirklich brauchst.
Warum Janina dachte, ihr Körper sei „nicht dafür gemacht“
Als wir uns kennenlernten, tanzte Janina schon zwei Jahre. Im Gruppenunterricht ihrer Tanzschule, mit einem großen Wunsch, endlich besser zu werden, und dem zähen Gefühl, trotzdem nicht vom Fleck zu kommen. Genau deshalb hatte sie überhaupt nach Einzelunterricht gesucht.
Was sie damals wirklich ausbremste, saß aber nicht in der Hüfte, sondern im Kopf:
„Ich dachte einfach, ich kann es nicht. Ich wusste nicht, dass ich nur die falschen Muskeln benutzt habe.“
Bei so einem Satz werde ich innerlich sofort hellhörig, weil ich dieses Missverständnis bei so vielen erwachsenen Schülerinnen erlebe. Janina war überzeugt, ihre Hüfte gebe das Turnout einfach nicht her. Dabei hatte ihr nur nie jemand gezeigt, welche Muskeln die Ausdrehung überhaupt erzeugen und dass sie sehr wohl funktioniert, wenn man dort ansetzt statt an den verkrampften Füßen. Warum deine Ausdrehung muskulär entsteht und nicht in deinen Knochen, habe ich an anderer Stelle ausführlich aufgeschrieben.
Das Tückische an so einem Glaubenssatz ist, wie leise er wächst. Erst klappt nur das Turnout nicht, dann kann man „das eben nicht“, und irgendwann ist man überzeugt, einfach nicht der richtige Typ dafür zu sein. Bei Janina war es schon so weit gekommen:
„Ich war sogar überzeugt, ich kann das gar nicht lernen. Das stimmte gar nicht. Es geht unfassbar viel mehr, als man denkt.“
Was sich im Mentoring für sie verändert hat
Janina war in meiner allerersten Mentoring-Gruppe dabei, und das Spannende ist: Was ihr am meisten geholfen hat, war nicht einfach „mehr üben“. Sie hatte sich vorher oft genug angestrengt. Es fehlte ihr nur die Richtung, in die diese Anstrengung fließen konnte.
Im Mentoring nehme ich eine Bewegung, die im Gruppenunterricht meist nur vorgemacht und dann stillschweigend erwartet wird, und zerlege sie in ihre muskulären Einzelteile. Wir schauen gemeinsam, was welcher Muskel eigentlich tun muss, und setzen die Bewegung Stück für Stück wieder zusammen. Für Janina war das eine kleine Offenbarung:
„Ich hätte gar nicht die Ahnung gehabt, dass Muskeln so eine wichtige Rolle spielen – die richtigen Muskeln aufzubauen und die richtige Technik zu entwickeln.“
Von da an war Fortschritt für sie nichts mehr, worauf sie nur hoffen konnte, sondern etwas, das sie verstand und jederzeit wiederholen konnte. Ich verspreche dabei niemandem Zauberei, die Arbeit bleibt Arbeit. Aber sie zahlt sich aus, sobald sie in die richtige Richtung geht. Und genau hier bleiben viele Erwachsene stecken: Es liegt selten an der Menge des Übens, sondern an der Präzision. Mehr dazu, warum du im Unterricht trotz vollem Einsatz nicht besser wirst, findest du in einem eigenen Beitrag.
Und funktioniert so etwas auch online?
Diese Frage stand bei Janina am Anfang auch im Raum. Sie kannte mich zuerst aus dem Einzelunterricht vor Ort und hängte später fast ein ganzes Jahr in der Masterclass dran, komplett online. Ihr Fazit hat mich selbst gefreut:
„Sie sah wirklich über das Video genauso die Korrekturen und konnte sie so vermitteln wie live mit ihr im Raum.“
Für mich ergibt das Sinn, weil ich nicht auf das große Ganze schaue, sondern auf die einzelne muskuläre Aktion. Und die erkenne ich über die Kamera manchmal sogar deutlicher, weil im Bild schlicht nichts ablenkt.
Was ich dir mit Janinas Geschichte sagen möchte
Wenn du also mit Mitte 40, Mitte 50 oder noch später vor dir selbst sitzt und denkst, du seist zu spät dran, dann würde ich dir am liebsten Janina an die Seite stellen. Sie kam zu mir mit „Turnout kann ich nicht“ und dem festen Glauben, ihr Körper sei irgendwie falsch gebaut. Und heute tanzt sie, geht in die Vorstellungen, versteht, was die Profis auf der Bühne tun, und nennt sich selbst besessen.
Ihr Alter war nie das Problem, ihr Glaubenssatz war es. Und Glaubenssätze darf man revidieren, am besten heute. Wie wenig dein Geburtsjahr über deinen Fortschritt entscheidet, kannst du hier nachlesen: Bist du wirklich zu alt für Ballett?
Was Janina am Ende unseres Gesprächs gesagt hat, gebe ich dir zum Schluss mit. Nicht, weil es mir schmeichelt, sondern weil so viel Wahres über das Lernen darin steckt:
„Danke, liebe Isabella, für deine Geduld, für deine absolut süße, herzliche Art. Sie holt einen ab, wo man ist, und sie glaubt vor allem an einen.“
Manchmal braucht es tatsächlich erst einen Menschen, der an dich glaubt, damit du selbst wieder anfängst, an dich zu glauben. Und dann zeigt dir dein Körper auf einmal Dinge, die du längst abgehakt hattest.
Wenn dich Janinas Weg berührt, findest du hier weitere Erfahrungen von Schülerinnen, die spät angefangen oder lange an sich gezweifelt haben.
Häufige Fragen
Ist man mit 45 oder 50 zu alt, um mit Ballett anzufangen?
Nein. Ballett lässt sich zu jedem Zeitpunkt lernen, weil Technik über die Muskulatur entsteht und Muskeln in jedem Alter trainierbar sind. Janina hat als späte Einsteigerin mit Mitte vierzig begonnen und tanzt heute mit großer Freude und Sicherheit.
Kann man Turnout lernen, wenn man das Gefühl hat, die Hüfte macht es nicht mit?
In den allermeisten Fällen ja. Was sich wie eine Grenze der Hüfte anfühlt, ist oft nur eine fehlende Ansteuerung der richtigen Muskeln. Genau das war Janinas Erfahrung: Sie glaubte, ihre Hüfte könne es nicht, dabei benutzte sie nur die falschen Muskeln.
Reicht normaler Gruppenunterricht, um sich wirklich zu verbessern?
Gruppenunterricht ist wertvoll, stößt aber an Grenzen, wenn individuelle Fehler nicht einzeln korrigiert werden. Janina kam trotz großem Wunsch nach Verbesserung lange nicht weiter, bis sie gezielt an den einzelnen muskulären Bausteinen arbeitete.
Funktioniert Online-Unterricht im Ballett überhaupt?
Ja. Janina hat fast ein Jahr online in der Masterclass weitergemacht und fand die Korrekturen über Video genauso präzise wie im selben Raum. Entscheidend ist nicht die räumliche Nähe, sondern der geschulte Blick auf die einzelne Bewegung.
Über die Autorin: Isabella Gräfin von Königsmarck wurde 11 Jahre an der John-Cranko-Schule Stuttgart und der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet. Mit ihrem Ballett Mentoring – einem staatlich anerkannten Bildungsangebot – übersetzt sie die Profi-Technik in verständliche Bausteine für erwachsene Ballettschülerinnen.