Kennst du das Gefühl, wenn die Lehrerin die Pirouettendiagonale ansagt und in deinem Bauch alles ein bisschen enger wird? Bei mir werden in solchen Momenten immer noch die Erinnerungen wach. Man stellt sich in die Ecke, atmet einmal tief durch – und hofft. Genau das ist der Punkt, an dem ich innerlich hellhörig werde. Denn Hoffen ist keine Technik.

Fühlst du dich vor einer Pirouettendiagonale auch manchmal wie beim Lotto spielen? Deine Drehungen klappen manchmal – aber manchmal eben auch nicht. Und du weißt hinterher nicht so recht, warum die eine schön rund war und die nächste nach einer halben Umdrehung ausgefranst ist. Ich möchte dir heute zeigen, dass genau dieses Rätsel lösbar ist, wenn du verstehst, was dein Körper in der Drehung eigentlich tun soll.

Warum klappen meine Pirouetten mal – und mal nicht?

Wenn deine Pirouetten mal gelingen und mal nicht, liegt das fast nie am Talent oder am Zufall, sondern daran, dass die muskuläre Vorbereitung im Standbein nicht jedes Mal gleich abläuft. Eine sichere Drehung entsteht aus einer bewussten Rotation und Verlängerung des Standbeins über den Unterbauch – nicht aus einem hastigen „Hoch“ kurz vor dem Absprung.

Das musst du wissen: Du steuerst jeden Millimeter deines Körpers. Niemand anderes macht das für dich. Du gibst deinem Körper Befehle, zum Beispiel „halbe Spitze“, und er führt aus. Wenn dein Befehl aber unpräzise ist, wird auch die Bewegung unpräzise. Wenn du deinem Standbein in einer Pirouette nur „hoch“ befiehlst, dann geht es eben auch nur irgendwie „hoch“. Und „irgendwie“ ist genau der Grund, warum sich das Ergebnis anfühlt wie ein Los, das du ziehst.

Die gute Vorbereitung passiert lange bevor du dich drehst. Sie passiert in dem Moment, in dem du dich in dein Standbein hineinstellst. Ist dieser Moment jedes Mal ein anderer, dann ist auch die Drehung jedes Mal eine andere. Deshalb lohnt es sich, ganz genau hinzuschauen, was dein Standbein da eigentlich macht.

Was macht dein Standbein in einer Pirouette wirklich?

Frag dich einmal ehrlich: Was macht dein Standbein in einer Pirouette? Es geht „hoch“? Es geht auf die halbe Spitze? Schon klar. Aber wie genau? Was sind ganz genau die muskulären Aktionen, die du dabei machst?

Die meisten erwachsenen Schülerinnen, mit denen ich arbeite, können mir die Bewegung von außen beschreiben – aber nicht von innen. Und das ist völlig nachvollziehbar, weil im normalen Ballettunterricht selten jemand erklärt, was unter der schönen Linie eigentlich muskulär passiert.

Hier ist der entscheidende Gedanke: Die halbe Spitze im Standbein beginnt nicht erst beim Fuß. Sie beginnt viel weiter oben. Und zwar unter dem Bauchnabel. Wenn du das einmal wirklich verstanden hast, verändert sich dein ganzes Gefühl für die Drehung, weil du nicht mehr am Fuß herumbastelst, sondern von der Körpermitte aus arbeitest.

Wie steuerst du deine Pirouette Schritt für Schritt?

Halte am besten kurz inne und probier es gleich mit aus. Stell dich auf und mach ein Passé auf einem Bein auf flachem Fuß. Halte dich dabei, wenn nötig, an einem Stuhl oder Ähnlichem fest. Es geht hier nicht um die fertige Drehung, sondern darum, dass du die richtige Muskulatur unter dir spürst.

Schritt 1: die Rotation

Versuche mal, das Bein im Stand auszudrehen. Versuche gezielt, eine Rotation in deinem Standbein zu erzeugen, also das Turnout zu aktivieren. Turnout ist dabei keine Frage der Fußstellung, sondern die muskuläre Ausdrehung des Beins – das Standbein arbeitet wie eine Schraube in nie endender Rotation. Benutze dafür deine Bauch-, Beckenboden- und Gesäßmuskulatur. Wenn du dann den Standbein-Innenoberschenkel spürst, bist du auf dem richtigen Weg. Genau dieser Innenoberschenkel ist ein wunderbarer Kontrollpunkt: Spürst du ihn nicht, drehst du wahrscheinlich nur den Fuß aus und lässt den Rest des Beins schlafen. Wenn du tiefer verstehen willst, warum diese Ausdrehung eine Kettenreaktion von oben und von unten ist, habe ich das im Lexikon-Eintrag zum Turnout ausführlich beschrieben.

Schritt 2: eine Verlängerung arbeiten

Jetzt kommt der Teil, den viele überspringen. Verlängere dein Standbein bewusst aus der Hüfte heraus Richtung Boden. Wie eine Schraube, die du nach unten rausdrehst. Wichtig ist, dass der Rest deines Körpers dabei absolut still hält. Spür mal genau hin, wo du dafür am meisten arbeiten musst: im Unterbauch. Diese Rausschiebebewegung des Standbeins ist so wichtig, weil aus ihr die ganze Stabilität deiner Drehung entsteht.

Aus dieser Kraft schiebst du dann deine Standbein-Ferse fürs Relevé über vorne hoch und presst den Fußballen in den Boden. So schraubst du dich nach oben auf die halbe Spitze. Drücke dabei mit der Rotation über den Unterbauch zum Ballen so stark gegen den Boden, dass du das Bein gefühlt wie ein Tendu immer weiter aus dem Körper rausschiebst. Du steigst also nicht auf die halbe Spitze, du schraubst dich hinauf – und das ist ein Unterschied, den du sofort spürst.

Was hat der Unterbauch mit einer stabilen Drehung zu tun?

Nutze die Unterbauchspannung in der Pirouette wie ein Trampolin. Wie einen Ballon aus Spannung, aus dem heraus du die Bewegungen von Stand- und Spielbein steuerst. Diese Spannung ist kein Bauchpressen und kein Luftanhalten, sondern eine ruhige, tragende Mitte, die deinem Oberkörper ein festes Brett gibt, während Kopf, Arme und Spielbein frei bleiben.

Genau dieses tragende Zentrum ist das, was ich den Aplomb nenne – die Kombination der korrekten Muskelspannung im gesamten Rumpf. Ohne diese Mitte hast du in der Drehung nichts, worüber du dich organisieren könntest, und der Körper sucht sich dann irgendeinen Halt, meist über verkrampfte Schultern oder ein wackeliges Standbein. Wie dieses innere Trampolin genau aufgebaut ist, kannst du im Lexikon-Eintrag zum Aplomb nachlesen.

Diese feine Technik, diese präzise Nutzung der richtigen Muskulatur im richtigen Moment, sorgt dafür, dass Herausforderungen wie Pirouetten machbar werden. Es ist ein bisschen wie beim Autofahren: Am Anfang denkst du über jede Bewegung einzeln nach, und irgendwann läuft es von selbst. Bis dahin darfst du langsam und geduldig üben, jeden einzelnen Schritt bewusst.

Ist eine sichere Pirouette Talent oder erlernbar?

Du merkst vielleicht schon, worauf ich hinaus will. Stabilität und Kontrolle im Ballett sind kein Talent und kein Zufall. Es ist das automatisierte Steuern deines Körpers. Und automatisieren lässt sich alles, was du oft genug bewusst und richtig wiederholst.

Das hat mich selbst früher sehr getröstet, als ich verstanden habe, dass ich meine Drehungen nicht dem Glück überlassen muss. Die Schülerin, die scheinbar mühelos dreht, hat meist nur diese Bausteine schon so oft geübt, dass ihr Körper sie abrufen kann, ohne dass sie darüber nachdenkt. Du kannst denselben Weg gehen. Es braucht nur die richtigen Bausteine und die Bereitschaft, langsam und genau zu arbeiten, statt schnell und ungefähr.

Wenn du solche Automatismen systematisch aufbauen möchtest, arbeite ich mit erwachsenen Ballettschülerinnen genau daran im Ballett Mentoring. Dort werden diese Steuerungsmuster Schritt für Schritt ins Bewegungsgedächtnis eingeprägt, damit sie irgendwann auch unter Aufregung in der Diagonale abrufbar sind.

Häufige Fragen zu Pirouetten

Warum falle ich in meiner Pirouette immer aus der Drehung?

Meistens fehlt die Verlängerung des Standbeins aus dem Unterbauch. Wenn du nur „hoch“ auf die halbe Spitze gehst, ohne dich vorher über die Rotation und die Rausschiebebewegung zu stabilisieren, hast du keine tragende Mitte, aus der du drehst. Arbeite zuerst das Standbein wie eine Schraube nach unten in den Boden, bevor du an die Drehung selbst denkst.

Muss ich für gute Pirouetten viel Kraft haben?

Du brauchst vor allem gezielte Rumpf- und Beckenbodenspannung, nicht rohe Kraft. Der Unterbauch arbeitet in der Pirouette wie ein Trampolin und gibt dir Stabilität. Diese Spannung lässt sich trainieren, unabhängig von deinem Alter oder deiner aktuellen Beweglichkeit.

Wo beginnt die halbe Spitze im Standbein?

Nicht am Fuß. Die halbe Spitze beginnt viel weiter oben, unter dem Bauchnabel. Von dort aus verlängerst du das Bein Richtung Boden und schiebst dich über den Fußballen nach oben. Wenn du am Fuß anfängst, fehlt der Bewegung ihr Fundament.

Kann ich Pirouetten als erwachsene Wiedereinsteigerin noch lernen?

Ja. Eine sichere Drehung ist erlernbar, weil sie auf steuerbarer Muskelarbeit beruht und nicht auf angeborenem Talent. Entscheidend ist, dass du die einzelnen Bausteine sauber übst, bis dein Körper sie automatisch abrufen kann.


Über die Autorin: Isabella Gräfin von Königsmarck wurde 11 Jahre an der John-Cranko-Schule Stuttgart und der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet. Mit ihrem Ballett Mentoring – einem staatlich anerkannten Bildungsangebot – übersetzt sie die Profi-Technik in verständliche Bausteine für erwachsene Ballettschülerinnen.

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