Du dehnst.
Fast jeden Abend. Spagat-Routinen, YouTube-Programme, vielleicht sogar mit Timer und Trainingsplan – seit Monaten.
Und im Unterricht bleibt dein Bein trotzdem bei 90 Grad stehen.
Wenn dir das bekannt vorkommt, dann habe ich heute eine unbequeme und gleichzeitig sehr befreiende Nachricht für dich: Du hast die ganze Zeit am falschen Ende gearbeitet.
Warum bleibt mein Bein bei 90 Grad, obwohl ich beweglich bin?
Flexibilität schenkt dir den Bewegungsradius. Aber erst Kraft macht ihn benutzbar – deshalb ist Kraft im Ballett wichtiger als Flexibilität.
Das ist die Antwort, und sie erklärt das 90-Grad-Rätsel vollständig.
Dein Bein im Développé wird nicht von deiner Dehnfähigkeit nach oben getragen. Es wird von Muskulatur nach oben gearbeitet – und zwar nicht in erster Linie vom Bein selbst, sondern von der Kette dahinter: Rumpf, Aufrichtung, Standbein, Turnout-Muskulatur, Innenoberschenkel.
Wenn diese Kette nicht arbeitet, kannst du im Sitzen den Spagat können und trotzdem im Stehen bei 90 Grad hängenbleiben. Deine Beweglichkeit ist dann wie ein großes Haus, von dem du nur das Erdgeschoss bewohnst – weil dir die Kraft fehlt, die Treppe zu benutzen.
Viele versuchen es dann mit dem Oberschenkel: heben, drücken, krampfen. Das Ergebnis kennst du – es sieht schwer aus und fühlt sich schwerer an. Meine Schülerin Amelie hat diesen Unterschied nach dem Mentoring in einer einfachen Fondu-Übung gespürt: „Dass man da nicht immer nur den Oberschenkel krampft, sondern im Gegenteil – es kommt ganz woanders her.“
Wenn du eine Profitänzerin siehst, deren Bein wie an einem unsichtbaren Faden nach oben schwebt, dann siehst du keine Dehnung. Du siehst Kraft, die so präzise arbeitet, dass sie mühelos aussieht.
Ist Flexibilität im Ballett denn unwichtig?
Nein – aber sie ist der kleinere Teil der Wahrheit, und sie ist bei den meisten erwachsenen Schülerinnen nicht der Engpass.
Ich erlebe in meinen Trainings ständig Frauen, die beweglicher sind, als ihr Tanzen je zeigen durfte. Was ihnen fehlt, ist nicht ein tieferer Spagat. Was ihnen fehlt, ist die Kraft und die Ansteuerung, diese Beweglichkeit im Stehen, in der Bewegung, in der Balance zu kontrollieren.
Dehnen ohne Kraftaufbau produziert genau das: ungenutzte Beweglichkeit. Und im schlimmsten Fall mehr – wer monatelang aggressiv dehnt und dabei mit der falschen Muskulatur arbeitet, riskiert Überlastung und Verletzungen. Der Frust wächst, obwohl der Einsatz riesig ist. Das ist eine der bittersten Sackgassen, die ich bei neuen Schülerinnen sehe.
Meine Schülerin Janina hat es nach fünf Jahren Ballett so zusammengefasst: „Ich hatte gar keine Ahnung, dass Muskeln so eine wichtige Rolle spielen – die richtigen Muskeln aufzubauen im Ballett, das Krafttraining, die richtige Technik. Die ganze Kombi daraus war richtig gut.“
Die richtigen Muskeln. Das ist der Punkt. Nicht irgendwelche.
Ist hohe Beinhöhe überhaupt das richtige Ziel?
Jetzt kommt der Satz, der einigen nicht gefallen wird: Beinhöhe ist überbewertet.
Sie ist das Erste, womit sich Hobbytänzerinnen vergleichen – und ziemlich genau das Letzte, woran man Qualität erkennt. Ein Bein auf 120 Grad mit eingesacktem Standbein, gekipptem Becken und verlorenem Turnout ist kein Fortschritt. Es ist ein hoch bezahlter Kompromiss, für den du deine gesamte Linie verkaufst.
Ein Bein auf 90 Grad dagegen – mit aufgerichteter Wirbelsäule, arbeitendem Turnout, ruhigen Armen und einem Standbein, das dich wirklich trägt – ist Ballett. Das sieht elegant aus. Das fühlt sich elegant an.
Und das Schöne ist: Wenn die Basis stimmt, kommt die Höhe von selbst nach. Sie ist das Ergebnis richtiger Arbeit, nicht ihr Ersatz. Lieber weniger, dafür korrekt – das ist keine Bescheidenheit, das ist die schnellste Route zu dem Tanzen, das du dir eigentlich wünschst.
Was solltest du stattdessen trainieren?
Drei Baustellen, in dieser Reihenfolge:
1. Rumpfkraft und Aufrichtung (Aplomb). Die muskuläre Aufrichtung der Wirbelsäule ist das Fundament für jede Bewegung – in der Profiausbildung liegt darauf jahrelang der Hauptfokus. Warum, erkläre ich ausführlich im Artikel über das Aplomb.
2. Die Turnout-Muskulatur. Gesäß, Innenoberschenkel, Beckenboden, Unterbauch – die Muskeln, die deine Ausdrehung aktiv halten, statt sie in den Füßen zu erzwingen. Wie das geht, liest du im Artikel über den Turnout.
3. Penible, korrekte Wiederholung. Automatismen entstehen nicht durch viel Wiederholung, sondern durch richtige Wiederholung. Kurze, gezielte Kraftroutinen – 15 Minuten, mehrmals pro Woche, sauber ausgeführt – verändern deinen Körper mehr als jede zusätzliche Ballettstunde, in der du deine alten Muster weiter einschleifst.
Du merkst: Es geht nicht darum, wie viel du trainierst. Es geht darum, wie du trainierst.
Und ja, du darfst weiter dehnen – Beweglichkeit ist ein schönes Werkzeug. Aber gib ihr eine Muskulatur, die sie benutzen kann. Sonst sammelst du Bewegungsradius für ein Tanzen, das nie stattfindet.
Was du spürst, wenn du anfängst, so zu arbeiten, ist übrigens kein Schmerz. Das ist der Muskel, der gerade lernt.
Häufige Fragen zu Kraft und Flexibilität im Ballett
Wie bekomme ich mehr Beinhöhe trotz guter Flexibilität?
Indem du aufhörst, an der Flexibilität zu arbeiten, und anfängst, an der Kette dahinter zu arbeiten: Aufrichtung, Standbein, Turnout-Muskulatur, Innenoberschenkel. Beinhöhe ist ein Kraft- und Technikthema – dein Bewegungsradius ist längst groß genug.
Muss ich für Ballett den Spagat können?
Nein. Der Spagat ist weder Voraussetzung noch Qualitätsmerkmal. Kontrolle, Aufrichtung und saubere Technik bringen dich im Ballett weiter als jeder Zentimeter mehr Dehnung.
Hilft tägliches Dehnen, um im Ballett besser zu werden?
Allein: kaum. Dehnen vergrößert den Bewegungsradius, aber ohne gezielten Kraftaufbau kannst du ihn im Tanzen nicht nutzen. Kombiniere Beweglichkeitsarbeit immer mit Kräftigung der richtigen Muskulatur – sonst trainierst du an deinem eigentlichen Problem vorbei.
Wie bekomme ich eine höhere halbe Spitze?
Auch das ist ein Kraft- und Aufrichtungsthema: Die Höhe auf der halben Spitze entsteht durch die Arbeit des gesamten Standbeins und der Körpermitte, nicht durch das Erzwingen im Fuß. Wer nur im Fuß drückt, verkrampft – wer die Kette arbeitet, wächst.
Wenn du lernen möchtest, welche Muskeln in deinem Ballett wirklich arbeiten müssen – mit System, geführten Kraftroutinen und persönlichen Korrekturen – dann setz dich auf die 0€-Warteliste für mein Ballett Mentoring. Der nächste Durchgang startet im September 2026.
Über die Autorin: Isabella Gräfin von Königsmarck wurde 11 Jahre an der John-Cranko-Schule Stuttgart und der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet. Mit ihrem Ballett Mentoring – einem staatlich anerkannten Bildungsangebot für Tänzerinnen und Tanzunterrichtende – übersetzt sie die Profi-Technik in verständliche Bausteine für erwachsene Ballettschülerinnen.