Du kennst diesen Moment.

Die Lehrerin ruft durch den Saal: „Mehr Turnout!“

Also drehst du die Füße weiter auf. Die Knie ziehen komisch, die Hüfte verspannt, die Balance kippt – und im Spiegel sieht es kein bisschen besser aus.

Auf dem Heimweg denkst du: „Ich habe einfach kein Turnout. Mein Körper kann das nicht.“

Ich möchte dir heute etwas sagen, das dieses Denken beenden wird: Dieser Satz ist in fast allen Fällen falsch. Und zwar nicht als nette Motivation, sondern anatomisch und technisch falsch.

Was ist Turnout überhaupt?

Turnout ist die Auswärtsdrehung der Beine aus der Hüfte – und er ist keine Laune der Natur, sondern eine muskuläre Aktion, die du gezielt erlernen kannst.

Das ist die wichtigste Wahrheit meines gesamten Unterrichts, deshalb steht sie hier ganz oben.

Turnout ist nichts, was man „hat“ oder „nicht hat“. Turnout ist etwas, das man arbeitet. In jeder Sekunde, in der du tanzt. Er entsteht nicht in den Füßen und nicht dadurch, dass du deine Beine passiv in eine Position zwingst – sondern durch das präzise Zusammenspiel ganz bestimmter Muskeln: Gesäßmuskulatur, Innenoberschenkel, Beckenboden, Unterbauch.

Und ja: Turnout ist Turnout. Die muskuläre Aktion ist bei einer Hobbytänzerin exakt dieselbe wie bei einer Profitänzerin auf der Bühne der Staatsoper. Der Unterschied liegt nicht in der Anatomie. Er liegt darin, dass der Profi diese Aktion über Jahre penibel antrainiert bekommen hat – und dir bisher niemand gezeigt hat, wie sie geht.

Aber ist Turnout nicht doch angeboren?

Die kurze Antwort: Deine knöcherne Hüftanatomie gibt einen Rahmen vor – aber sie ist nur ein kleiner Teil der Geschichte. Entscheidend ist die muskuläre Arbeit innerhalb dieses Rahmens. Und genau die schöpfen die allermeisten erwachsenen Schülerinnen nicht einmal ansatzweise aus.

Ich weiß, dass dir vielleicht schon jemand etwas anderes gesagt hat.

Meine Schülerin Valery ist 61 und tanzt seit über drei Jahrzehnten Ballett. Ihre Lehrer sagten ihr jahrelang über die Ausdrehung: „Das geht nicht, das ist von den Knochen, das wirst du nicht mehr hinbekommen.“ Dann hat sie im Mentoring erlebt, dass es eben doch geht – „weil es viel muskulär ist“, wie sie es selbst formuliert. „Man kann wirklich noch was ändern. Es geht immer noch was.“

Und Janina, die mit Mitte 40 als komplette Späteinsteigerin zu mir kam, sagte mir im allerersten Telefonat: „Turnout kann ich nicht, meine Hüfte kann das nicht.“ Heute sagt sie: „Ich wusste nicht, dass ich nur die falschen Muskeln benutzt habe.“

Das ist der Kern: Die meisten haben kein Anatomie-Problem. Sie haben ein Ansteuerungs-Problem.

Warum macht „Füße weiter aufdrehen“ alles schlimmer?

Weil du damit am Ende der Kette ansetzt statt am Anfang.

Wenn du die Füße weiter aufdrehst, als deine Muskulatur gerade halten kann, passiert Folgendes: Die Knie geraten unter Drehstress, der Fuß knickt ein, du verkrampfst – und dein Körper kompensiert mit genau den Muskeln, die im Turnout gar nichts zu suchen haben, allen voran den vorderen Oberschenkeln.

Das sieht nicht nur verkrampft aus. Es ist auf Dauer der direkte Weg zu überlasteten Knien, Hüftproblemen und Fußfehlstellungen.

Erzwungener Turnout ist kein Turnout. Er ist eine Verletzung mit Ansage.

Meine Schülerin Celine hat das sehr schön beschrieben. Vor dem Mentoring war ihr Turnout: „Einfach Füße ausdrehen, und das war’s.“ Ihr Durchbruch kam, als sie aufhörte, in den Füßen zu verkrampfen – und anfing, muskulär zu arbeiten: „Als ich nicht mehr verkrampft habe bei den Füßen und gemerkt habe, wie weit meine Füße eigentlich auswärts gedreht sind – das war echt cool.“

Lies das ruhig zweimal: Ihre Füße standen weiter ausgedreht, nachdem sie aufgehört hatte, es mit den Füßen zu erzwingen.

Woher kommt der Turnout wirklich?

Aus der Körpermitte – und zwar über eine Kettenreaktion, die viel früher beginnt, als die meisten denken.

Bevor deine Gesäßmuskulatur und dein Turnout überhaupt greifen können, muss deine Aufrichtung stimmen. In meinem Unterricht arbeiten wir dafür mit der C-Kurve: Der untere Teil der Wirbelsäule kommt in die Gerade, das Becken richtet sich auf, Beckenbodenmuskulatur und Unterbauch übernehmen ihre Arbeit. Erst wenn du diesen Übergang bis zu deinem Potenzial ausschöpfst, bekommst du die Gesäßmuskulatur und den Turnout zu fassen.

Und da geht es wirklich um Millimeter.

Deshalb bringt es auch so wenig, wenn dir jemand zuruft „Turnout kommt aus der Hüfte!“ – das ist zwar nicht falsch, aber es ist ungefähr so hilfreich wie „Sing einfach richtig!“. Du brauchst die einzelnen muskulären Aktionen, sauber benannt und einzeln erarbeitet. Ich nenne sie Ballett-Vokabeln: kleine, präzise Bausteine, die du erst einzeln lernst und dann immer flüssiger „sprichst“ – bis sie zum Automatismus werden.

Eine weitere Schlüssel-Vokabel: die Innenoberschenkel. Celine sagt über ihr größtes Learning im Mentoring: „Die Findung meiner Innenoberschenkel. Ich habe nie mit Innenoberschenkeln gearbeitet. Erst als das Turnout erklärt wurde, habe ich meine Innenoberschenkel gefunden – und dadurch eine viel bessere Stabilität in der Mitte entwickelt.“

Merkst du, was hier passiert? Turnout ist nicht nur Ästhetik. Richtig gearbeitet, stabilisiert er dein gesamtes Tanzen.

Wie trainieren Profis ihr Turnout?

Nicht mit Tricks. Nicht mit Stretch-Bändern. Und ganz sicher nicht mit „einfach mehr aufdrehen“.

Ich bin elf Jahre an der John-Cranko-Schule Stuttgart und der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet worden. Dort wird die Turnout-Muskulatur täglich, über Jahre, mit unzähligen Wiederholungen und ständigen Korrekturen aufgebaut – bis die richtige Aktion automatisch abläuft. Das ist das ganze Geheimnis: Kraftaufbau plus penible, korrekte Wiederholung.

Genau das kannst du als Erwachsene nachholen. Nicht in einer Woche. Aber deutlich schneller, als du denkst – weil du als Erwachsene etwas kannst, was Kinder nicht können: verstehen, was du tust.

Du brauchst dafür drei Dinge:

  1. Verständnis: Welche Muskeln arbeiten im Turnout – und welche haben Pause?
  2. Kraft: Gezielte Kräftigung genau dieser Muskulatur, regelmäßig, in kurzen Einheiten.
  3. Korrektur: Jemanden, der sieht, wann du kompensierst. Denn falsch wiederholte Übungen zementieren nur deine Fehler.

Mehr Training bringt nichts, wenn du falsch trainierst. Anders trainieren – das ist der Hebel.


Häufige Fragen zum Turnout

Wie kann ich mein Turnout sichtbar verbessern?
Indem du am Anfang der Kette arbeitest statt am Ende: Aufrichtung (C-Kurve), Beckenboden und Unterbauch, dann Gesäßmuskulatur und Innenoberschenkel – und die Füße nur so weit öffnest, wie diese Muskulatur halten kann. Sichtbar wird die Verbesserung durch gezielte Kräftigung plus korrekte Wiederholung, nicht durch mehr Aufdrehen.

Ich habe wenig Ausdrehung – liegt das an meinen Knochen?
Deine Hüftanatomie setzt einen Rahmen, ja. Aber die Anatomie ist nur ein kleiner Teil – entscheidend ist die muskuläre Arbeit. Ich habe noch keine Schülerin erlebt, die ihr anatomisches Potenzial bereits ausgeschöpft hatte, als sie zu mir kam. Auch Schülerinnen mit 50 oder 61 verbessern ihre Ausdrehung noch deutlich.

Wie trainieren Profis ihr Turnout?
Über Jahre täglicher Arbeit: Die richtige Muskulatur wird gekräftigt und die korrekte Aktion so oft penibel wiederholt, bis sie zum Automatismus wird. Es gibt keinen Trick – es gibt Systematik.

Kann ich als Erwachsene noch Turnout lernen?
Ja. Die muskulären Aktionen sind erlernbar, unabhängig vom Alter. Als Erwachsene hast du sogar einen Vorteil: Du kannst verstehen, welcher Muskel was tut – und gezielt daran arbeiten, statt jahrelang zu raten.


Wenn du diese muskulären Aktionen Schritt für Schritt lernen möchtest – mit persönlichen Korrekturen, nicht mit Rätselraten – dann setz dich auf die 0€-Warteliste für mein Ballett Mentoring. Die Anmeldung öffnet im September 2026, aber nur für wenige Tage.


Über die Autorin: Isabella Gräfin von Königsmarck wurde 11 Jahre an der John-Cranko-Schule Stuttgart und der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet. Mit ihrem Ballett Mentoring – einem staatlich anerkannten Bildungsangebot für Tänzerinnen und Tanzunterrichtende – übersetzt sie die Profi-Technik in verständliche Bausteine für erwachsene Ballettschülerinnen.

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